Drei Wochen meiner Reise durch Brasilien sind bereits rum und ich bin voll mit Eindrücken, Begegnungen und Informationen, die ich verfolgen will. Besonders die Gegensätze machen mir zu schaffen, beispielsweise wie seltsam die Digitalisierung mit Gesichtserkennung an Türen in einem sonst so dysfunktionalen Land erscheint.
Aber all das ist hier so alltäglich, dass ich nicht weiter darüber nachdenke. Nach den Angriffen von Israel auf Siedlungsgebiete im Libanon haben die israelischen Kräfte am frühen Dienstagmorgen eine Bodenoffensive gestartet. Warum ist das relevant für die Brasilianer, die 11.000 Kilometer entfernt von der Front des Konflikts im Südlibanon leben? Brasilien beherbergt die größte libanesische Bevölkerung außerhalb des Landes, geschätzte zehn Millionen Menschen leben hier! Im Viertel Brás nahe des Zentrums der Stadt ist es am sonntags ruhig, die Straßen fast menschenleer. In Geschäften in grellem Neonlicht hängen Hosen, T-Shirts und Kleider auf Puppen bis unter die hohen Decken, daneben gibt es libanesische Restaurants, Supermärkte, ein großes Shopping Center und vollgestopfte, unübersichtliche Märkte für alles, was der Hand- und Heimwerker braucht. Das ist Brás. Und mittendrin: Zwei Moscheen, eine für Sunniten, eine für Shiiten. Mohamed Alaa Eldine Alazharyl ist Imam der Pari-Moschee, eine der größten und schönsten in Lateinamerika.

Auseinandersetzungen auf der Straße zwischen Muslimen und Juden gibt es hier nicht. Doch nur wenige, die ich hier treffe und anspreche, wollen überhaupt ein Statement abgeben, vor der Kamera schon gar nicht. Imam Alazharyl (34) ist froh, dass sich der Konflikt nicht zwischen den Religionen in São Paulo fortsetzt. Aber er findet beim Besuch deutliche Worte gegenüber Israel: „Ich sehe keine Friedensangebote von israelischer Seite.“

„Die Libanesen hier in Brasilien sollten gegen das protestieren, was Israel tut“, antwortet Imam Alazharyl auf die Frage, ob Brasilien Solidarität zeigen muss. „Und die internationale Gemeinschaft sollte sich einmischen und den Konflikt stoppen. Auch wenn das Israel nicht interessieren wird, weil es internationales Recht nicht respektiert.“ Er fordert von der internationalen Gemeinschaft, aber auch den Bevölkerungen westlicher Staaten, sich auf die Seite der unterdrückten Menschen zu stellen und für sie einzutreten.
Bereits vor den Angriffen vom Montag und Dienstag hatte die Frente Palestina São Paulo zu einem Solidaritätsmarsch für Palästina und den Libanon auf der Avenida Paulista aufgerufen. Laut und nicht zu übersehen ging es nach einer Kundgebung auf dem Praca Oswaldo Cruz mitten auf der stark befahrenen, vierspurigen Straße mit Bannern, „Befreit Palästina“-Rufen, Fahnen und Palästina-Schals durch die Stadt. Nicht zu übersehen und damit sehr öffentlichkeitswirksam war ein Mann mit einem traditionellen Kufiyah auf dem Kopf, das allgemein mit Palästina assoziiert wird, einer Hose in Militäroptik und der symbolischen Verbindung von Palästina und Libanon durch eine Fahne um den Hals und einer in der Hand. Er führte die kleine Gruppe an, die überaus positiv von Passanten aufgenommen wurde.
Die Demonstration in São Paulo war nur eine von vielen weltweit und richtete sich direkt an Israel: Der Staat unter Premier Netanyahu solle die militärische Offensive in Gaza und dem Libanon sofort beenden, lautet die Forderung. Die brasilianische Regierung ist aber nicht untätig: Bereits im Juli kündigte Präsident Lula an, ein Freihandelsabkommen mit Palästina zu ratifizieren. 2010 hat Brasilien Palästina als Staat anerkannt, die Staaten haben beidseitig Botschaften bzw. Konsulate im jeweils anderen Land.
Update: Die Spannungen im Nahen Osten waren auch Thema beim G20-Gipfel in Rio de Janeiro am 17. und 18. November. Der Ruf nach einem „umfassendem Waffenstillstand im Gaza-Streifen“ durch eine Resolution der Vereinten Nationen war laut beim Treffen der Staats- und Regierungschefs. Dasselbe forderten sie auch für den Libanon. Welche konkreten Schritte dafür unternommen werden sollen, bleibt nach dem Treffen aber offen. Brasilien hat den Fokus für seine G20-Präsidentschaft auf die Bekämpfung von Hunger und Armut in der Welt gelegt und setzt den Klimawandel weit oben auf die Agenda für das kommende Jahr.
Dies ist der dritte wöchentliche Beitrag meiner dreimonatigen Reise durch das größte Land Südamerikas (für KW 39) – dieses Mal ein wenig später als sonst.
Links:
Libanesen in Brasilien: https://www.gov.br/mre/en/subjects/bilateral-relations/all-countries/lebanese-republic , abgerufen am 2.10.24
Al Jazeera über die Proteste weltweit: https://www.aljazeera.com/gallery/2024/9/29/worldwide-protests-against-israels-war-on-lebanon-gaza , abgerufen am 2.10.24
Brasilien will als erster Mercosur-Staat Handelsabkommen mit Palästina ratifizieren: https://www.middleeastmonitor.com/20240709-brazil-is-first-in-mercosur-trade-bloc-to-ratify-agreement-with-palestine-says-lula/, abgerufen am 2.10.2024
Abschlusserklärung des G20-Gipfels in Rio de Janeiro zur Situation im Libanon und dem Gaza-Streifen: https://www.aljazeera.com/news/2024/11/19/g20-leaders-call-for-comprehensive-ceasefires-in-gaza-and-lebanon , agerufeb am 20.11.2024
I.C.L., 2024




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