Drei Kandidaten, dreimal an die 30 Prozent: Die Paulistanos sind sich nicht einig, ob Ricardo Nunes (PSDB), Pablo Marçal (PRTB) oder Guilherme Boulos (PSOL) die Geschicke der größten und Stadt Brasiliens führen soll. Mit 29,48 Prozent (Nunes), 29,07 Prozent (Boulos) und 28,14 Prozent (Marçal) ist das Ergebnis der Wahl zum Präfekten – dem Oberhaupt der Stadt, ähnlich einem Bürgermeister – alles andere als eindeutig. Und so gehen die beiden Erstplatzierten am 27. Oktober in der zweiten Runde in die Stichwahl.

Warum das relevant ist? Weil die Wahlen zum Präfekten und den Stadträten in Brasiliens Städten und Gemeinden ein Stimmungstest sind, wo die politische Reise hingeht und welche Kraft in zwei Jahren den Präsidenten stellen könnte. So klar wie vor vier Jahren sind die Wahlen dieses Jahr aber nicht ausgegangen, als Bruno Covas mit 59,4 Prozent gewählt wurde und ein Jahr später aufgrund einer Krebserkrankung das Amt an Ricardo Nunes übergeben musste.

Prefeito von São Paulo zu sein bedeutet sich den Geschicken einer Stadt anzunehmen, in der jeder Elfte (8 Prozent) in Favelas lebt, die eine Mordrate von 11 auf 100.000 Einwohner hat und in der die allgemeine Kriminalitätsrate sehr hoch ist. In der es nachts nicht ratsam ist, auf der Straße zu sein oder bestimmte Viertel wie beispielsweise das alte Zentrum mit der beeindruckenden Kathedrale Sé zu betreten. In São Paulo unterwegs zu sein ist wie ein Glücksspiel – es kann immer und überall zu Überfällen und Handydiebstählen kommen.

Der Wahlkampf war hitzig und gewalttätig

Gewalt ist nicht nur ein Thema für die Paulistanos auf der Straße, sondern auch in den Diskussionsrunden im Fernsehen. Mitten in einer Debatte ging Prefeito-Kandidat José Luiz Datena (PSDB) mit einem Stahlstuhl auf seinen Kontrahenten Pablo Marçal los und verletzte ihn so, dass er im Krankenhaus behandelt werden musste. Marçal nutzte das für den Wahlkampf und streckte nachher symbolisch seine verbundene Hand in die Kameras und Gesichter seiner Anhänger. Bei einem zweiten Zwischenfall schlug ein Teammitglied Marçals ein Mitglied eines anderen Kontrahenten ins Gesicht und hinterließ vor laufender Kamera ein blutiges Spektakel.

Marçal weiß, wie er sich richtig inszeniert. Eine Nacht vor der Wahl ließ er sich öffentlichkeitswirksam dabei filmen, wie er über Stunden 67 Kilometer vom Zentrum der Stadt bis in die Favelas der Stadt joggte und ging und für jeden Kilometer einen Grund angab, den es zu verbessern gilt. Es reichte dennoch nicht ganz für den Sieg oder eine zweite Runde. Am 27. Oktober wird Nunes gegen Boulos antreten. Das Spiel beginnt gerade erst wieder. Und einig sind sich die Paulistanos nicht, das zeigte auch eine Umfrage auf der Avenida Paulista am Wahlabend, als die ersten Ergebnisse eintrudelten. Die Umfrage ist in den kommenden Tagen auf meinem Youtube-Kanal zu sehen.

Kommunalwahlen in Brasilien 2024

In ganz Brasilien waren rund 155 Millionen Bür­ge­r aufgerufen, Bür­ger­meis­te­r und Stadt­par­la­men­ta­rie­r in 5.570 Städten und Gemeinden zu wählen. Die Wahllokale waren von 8 bis 18 Uhr geöffnet. Wählen ist für jeden Brasilianer im Alter von 18 bis 70 Jahren verpflichtend. Wer dem nicht nachkommt, zahlt eine Strafe von circa zehn Euro und hat kein Recht mehr, Ausweis oder Reisepass zu beantragen. Bei mehrfach unentschuldigtem Fehlen kann es sogar passieren, dass jemand sein Wahlrecht verliert. In Städten und Gemeinden, in denen in der ersten Runde kein Prefeito-Kandidat eine absolute Mehrheit erreicht hat, gibt es am 27. Oktober Stichwahlen. São Paulo wird darunter sein.

Was diese Woche noch passiert ist: Twitter (X) ist in Brasilien wieder online! Allerdings wurde der Kurznachrichtendienst erst nach den Wahlen am Montag wieder freigeschaltet. Das hinterlässt einen bitteren Beigeschmack.

Das ist der vierte wöchentliche Bericht meiner Reise durch das größte Land Südamerikas, dieses Mal für KW 40.

I.C.L. , 2024

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2 Kommentare zu „Die geteilte Stadt – wer wird der nächste Bürgermeister von São Paulo?“

  1. […] ist auch das Wählen in Brasilien, das verpflichtend ist. Gewählt wird per Klick in öffentlichen Gebäuden, beispielsweise Schulen. […]

  2. […] wenn es Battista bei den Wahlen im Oktober nicht in die Abgeordnetenkammer schaffte, gibt MBL ihren Plan für ein sicheres Sao Paulo nicht […]

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