„Wir sind Brasilianer. Aber Deutschland ist in unserem Herzen“, sagt Familie Wehrling aus Pomerode (Santa Catarina) mit Überzeugung. Sie lebt wie 600.000 andere Deutschbrasilianer ein Leben zwischen zwei Kulturen, Sprachen und unterschiedlichen Traditionen. Im Süden des Landes ist der Einfluss der Einwanderer und Kolonialisten überall zu sehen: Geschäfte heißen hier „Schumann“, „Schramm“ oder „Braun“, Fachwerkhäuser (enxaimel) prägen das Ortsbild, deutsche Flaggen und Schilder preisen Bier und andere hausgemachte Köstlichkeiten an – denn deutsche Qualität verkauft sich hier bestens. Auch die Italiener haben sich hier vor 200 Jahren niedergelassen, ihr Einfluss ist aber bei Weitem nicht so sehr zu spüren wie der der Deutschsprachigen.
Auf meinem Weg von São Paulo mit vielen deutschen Unternehmen in den Süden, über Curitiba und der Colônia Witmarsum nach Blumenau, Pomerode und São Leopoldo nach Porto Alegre folge ich den deutschen Spuren, die überall zu finden sind und lasse mich durch Kontakte von Gemeinde zu Gemeinde treiben. Die drei Bundesstaaten Rio Grande do Sul, Santa Catarina und Paraná beherbergen die größte deutschsprachige Gemeinschaft außerhalb Europas. Ich fotografiere Fachwerkhäuser, bestelle Käsekuchen und esse Knödel unter brasilianischen Palmen – mehr Kulturschock geht nicht.
Mein Bericht zum Oktoberfest 2024, der Interviews mit Händlern und Besuchern sowie die Erzählung der Geschichte des Oktoberfests enthält – mein bisher größtes Projekt auf meinem Youtube-Kanal!
Bewegte (Familien-) Geschichte(n)
Die Geschichte deutscher Besiedelung Südbrasiliens ist lange, kann aber ungefähr so zusammengefasst werden: Als Brasilien 1822 nach 322 Jahren seine Unabhägigkeit von Portugal erlangte, musste das neue Reich seine Grenzen im Süden gegenüber Paraguay und Argentinien verteidigen. Es galt, ein gigantisches Territorium von 8,5 Millionen Quadratkilometern (24 Mal größer als die Bundesrepublik heute) abzusichern. Doch im noch jungen Staat unter dem Portugiesen Dom Pedro I. und Kaiserin Leopoldina aus dem Hause Habsburg lebten nicht genügend Menschen, um das Territorium zu bevölkern und zu bewirtschaften. Also wurden bereits 1818 Einwanderer aus Europa angeworben, denen billiges Land versprochen wurde.
Als 1888 die Sklaverei abgeschafft wurde, fehlten Arbeitskräfte – besonders in der Landwirtschaft. Menschen aus dem heutigen Norddeutschland und Polen (Pommern), dem Hunsrück und auch Baden-Württemberg nahmen die dreimonatige gefährliche Überfahrt auf sich, um Armut und Hunger in Europa zu entliehen und einen Neuanfang im „freien“ Brasilien zu wagen. Eine Einwanderungswelle überrollte Südbrasilien. Nicht alle sind geblieben, aber viele Deutschbrasilianer leben bereits in fünfter Generation im Land. Weitere Einwanderungswellen folgten, Anfang 1900 und nach 1920.

Die deutsche Sprache verschwindet nach und nach
Heute wird in den deutschstämmigen Familien zuhause oft Deutsch, aber vor der Tür Portugiesisch gesprochen. Dass das Deutsche auch in Südbrasilien aus dem alltäglichen Sprachgebrauch so gut wie verschwunden ist, hat einen traurigen Hintergrund. Als Brasilien 1942 in den Zweiten Weltkrieg eintrat, wurde die deutsche Sprache unter Androhung von Gefängnis verboten. Gunther Robert Karl Ulrich Sydow hat das am eigenen Leib erlebt.

Der 87-Jährige arbeitet ehrenamtlich im Museu Histórico Visconde de São Leopoldo in der Stadt, in der sich 1824 die ersten deutschen Einwanderer niederließen. 38 waren es an der Zahl, der Jüngste unter ihnen wurde auf der Überfahrt von Bremen nach Rio Grande do Sul geboren. Sydow erzählt, wie Militärbeamte seinen Vater verprügelten und einsperrten, um die Familie einzuschüchtern. Die Mutter blieb mit den drei Kindern zurück und wusste nicht, ob sie ihren Mann wiedersehen würde. Die Geschichte ging gut aus. Aber Sydow hat Tränen in den Augen und verstummt, während er sich erinnert.
Seine Geschichte ist kein Einzelfall. Das zeigen auch die Gemeindebücher von São Leopoldo mit Geburten- und Sterbreregistern, die im Museum in ausgestellt sind. Heute genießen die Deutschbrasilianer ein gutes Ansehen im Land, ihre Gemeinden sind sicherer und sauberer als die meisten anderen Orte in Brasilien, die Straßen prägnant angeordnet und auf ein gutes Aussehen von Fassaden von Geschäften und Häusern wird Wert gelegt.
Jedes Jahr im Oktober strömen die Catarinense zum größten Volksfest Amerikas nach Blumenau und feiern dort in der Vila Germânica ihre Version des Oktoberfests. Dafür werden Bands aus Deutschland und Österreich eingeflogen und die Stände mit bayrischen und deutschen Flaggen dekoriert. Generell spart man hier nicht mit Schwarz-Rot-Gold: Geschäfte, Restaurants und Cafés locken nicht nur mit Flaggen-Ketten über dem Eingang, sondern auch mit langen Bannern unter der Decke. Sie machen es unverkennbar, dass die deutsche Kultur willkommen und ein gutes Verkaufsargument ist.

Eine Reise durch drei Bundesstaaten und 200 Jahre Immigration
Und diese Kultur soll weiter existieren, dafür wollen die Menschen hier sorgen. Im 200. Jahr deutscher Einwanderung nach Brasilien habe ich in Colônia Witmarsum (bei Curitiba) eine Schokoladenmanufaktur besucht, in die Milchproduktion einer deutschen Familie hineingeschnuppert, gesehen, wie und wo eine andere Familie Käse produziert und mir ihre Geschichten erzählen lassen. Ich habe die „deutscheste Stadt Brasiliens“ besucht (Pomerode), dort dem Bandeon gelauscht, das die Deutschstämmigen von Europa mitbrachten und mit dem Bürgermeister und einer Koordinatorin für Deutsch an der Schule darüber gesprochen, was gemacht wird, um die Sprache zu erhalten.
Wie über dem Atlantik mit Bier, Brezen, Dirndl und Lederhosen der Oktober ausgelassen gefeiert wird und wie Torta Alemã, Apfelstrudel und Cuka de queijo (Käsekuchen) nach deutschem Rezept schmecken, habe ich in Blumenau herausgefunden. Einen Streifzug durch die deutsche Einwanderung mit allerlei Originalgegenständen und persönlicher Migrationsgeschichte von Gunther Sydow gab es im Museum in São Leopoldo. Prof. Dr. Gerson Neumann, der seinen Doktor in Germanistik in Berlin machte, hat mir in Porto Alegre die Eindrücke wissenschaftlich eingeordnet und mich durch 200 Jahre voller Schwierigkeiten und Hoffnungen genommen.
Fast wie die Einwanderer vor 200 Jahren wandelte ich zwischen Deutsch und Portugiesisch, deutschem Fachwerk und brasilianischer Infrastruktur, Samba-Rhythmen und Wiesn-Hits, exotischen Pflanzen und importierten Eichenbäumen und diesen Fragen, die mich die ganze Zeit begleiteten: Wie viel Deutsches steckt in diesem Land und diesen Menschen? Sind sie stolz auf ihre Wurzeln? Und wie sieht die Zukunft der deutschen Tradition in Südamerika aus? Nach zwei Wochen bin ich der Antwort ein bisschen näher gekommen – und habe auch ein Stück mehr über die Essenz dieses so vielfältigen Landes gelernt. Denn Brasilien ist auch Fachwerk und Torta Alemã.
I.C.L, 2024
Dies ist der sechste wöchtentliche Bericht meiner dreimonatigen Reise durch das größte Land Südamerikas, dieses Mal für KW 43. Die Videos und Interviews werden nach und nach auf meinem Youtube-Kanal veröffentlicht, ich bitte um Geduld.
Urheberschaft Landkarte: Scan made by Kogo, Public domain, via Wikimedia Commons. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7c/Kolonien_Suedbrasilien.png , Zugriff am 30.10.2024

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