In meinem letzten Beitrag habe ich während meiner Reise durch den von Deutsch und Italienisch geprägten Süden festgestellt, dass Brasilien nicht nur Samba und Cachaça ist, sondern auch Käsekuchen, Fachwerk und Oktoberfest. Nach zwei Monaten und 1100 Kilometern entlang der Landesküste lässt mich die Frage nicht los, ob sich die Brasilianer charakterisieren lassen, ob es „den“ Brasilianer, einen Typ gibt, der auf viele Menschen zutrifft.

Was ich nach diesen acht Wochen sagen kann: Brasilianer sind hilfsbereit, offen, warmherzig, arbeitsam, so freundlich, dass darunter manchmal die Wahrheit leidet, lebensfroh und gleichzeitig melancholisch. Sie sind eine Mischung aus Italienern, Portugiesen, Deutschen, Japanern und Ureinwohnern. Sie lieben ihr Land, haben aber eine schwierige Beziehung zu ihrer Regierung und wenig Vertrauen in die Politik. Fast jeder wird dir sagen, dass dein Portugiesisch super ist und dich mit aufgerissenen Augen anschauen, wenn er erfährt, dass du erst ein Jahr die Sprache lernst.

Brasilianer laden dich zum Essen ein (Reis und Bohnen dürfen da nicht fehlen) und wenn man ablehnt, wird das oft fast als Affront oder gar Beleidigung gesehen. Ein „Nein“ hört man generell nicht gerne. Die deutsche direkte und klare Kommunkation kommt nicht gut an und das ist vielleicht der größte Kulturschock hier. Lieber redet man um etwas herum und versucht der Frage geschickt aus dem Weg zu gehen – was die Kommunikation manchmal erschwert.

Das ist Brasilien! ...und meine Interviewpartner der letzten 8 Wochen

Bis auf die Fahrer und Ticketverkäufer in den Bussen, die ich öfter als unfreundlich erfahren habe, kann man hier auch mit wenig Portugiesischkenntnissen auf Hilfe hoffen. Sprachbarrieren werden weggelächelt und mit einer entwaffnenden Hand an der Schulter beseitigt. Generell sind die Menschen „körperlicher“, zur Begrüßung gibt’s ein (aber meistens nur eins!) Küsschen auf die Wange, wenn man jemandem zum ersten Mal vorgestellt wird. Kleine Berührungen signalisieren Entgegenkommen und Vertrautheit – auch wenn man jemanden eigentlich erst kennenlernt.

Kellner in Restaurants scheinen darauf trainiert zu sein, die Rechnung ihrer Gäste mit der Frage nach cafezinho? (Kaffee?), sobremesa? (Dessert?), licor? (Likör?) noch ein wenig länger (und teurer) zu machen. Weil die Arbeitskraft vergleichsweise wenig wert ist – der Mindestlohn liegt bei 1412 Reais, das sind 235 Euro – können sich die Geschäfte einen Sicherheitsmann und die Restaurants und Bars jemanden leisten, der auf der Straße Menschen ins Innere locken soll. Zu beobachten ist die günstige Arbeitskraft auch auf Baustellen, wo in der Regel eine Person arbeitet und mindestens zwei danebenstehen und zusehen… Und Restaurants haben oft ein fast schon übertrieben großes Team an Kellnern, die einen Großteil der Zeit darauf warten, etwas zu tun zu haben.

Brasilien ist auf dem langen Weg der Emanzipation

Das Land schaut stark auf zur USA und nimmt sich ein Vorbild an ihr. Noch höher im Kurs steht Europa: Es existiert ein verklärtes Bild von europäischem Luxus, Schönheit, Ordnung und Sicherheit. Nach der Meinung über ihr Land gefragt, sind die meisten Brasilianer deutlich und ehrlich und nehmen dabei kein Blatt vor den Mund. Dass die Zukunftsaussichten nicht rosig sind und die Hoffnung nicht groß, wurde in meinen Gesprächen schnell klar. Zu lange schon kämpft Brasilien mit denselben Problemen. Es entwickelt sich zwar und wird wohlhabender, aber die Schwierigkeiten bleiben. Und damit auch die Sorgen und Unsicherheiten der Menschen.

Viele träumen daher von einem Leben in Europa. Der Kontinent ist zwar weit weg, aber doch überall präsent. Denn fast jeder südlich von São Paulo hat entweder portugiesische, italienische oder deutsche Wurzeln, was sich zumindest über die Namen über Generationen hält. Darunter mischen sich Nachfahren von aus Afrika Verschleppten, die in Brasilien versklavt wurden und eine Menge Japaner, die hier ebenfalls ihr Glück suchten. Auch Menschen mit indigenen Wurzeln finden sich in den Städten. Was aber auffällt: Je weiter südlich, desto homogener erscheinen die Menschen auf den ersten Blick.

Gegensätze und zwei Gesichter: Es ist wahr!

Das Bild, das in Europa durch Filme und die Nachrichten vermittelt wird, von einem Land atemberaubender Natur und beeindruckender Schönheit bei gleichzeitigen Bandenkriegen, Überfällen und Elend in den Städten ist nur ein Teil der Wahrheit. Ja, es stimmt. Nirgends habe ich bisher solche Armut gesehen. Viel Dreck, nicht-intakte Infrastruktur, Menschen in den allerschlimmsten Verfassungen und tägliche Meldungen von Toten durch Bandenkriege existieren. Sie sind real. Und sie sind nicht nur gefährlich, sondern können auch abschrecken und einschüchtern.

Aber Brasilien hat ein zweites Gesicht. Das von unerwarteter Freundlichkeit, Offenheit, kurzen, aber prägenden Begegnungen auf der Straße, Umarmungen von Menschen, die man gerade erst getroffen hat, schneller Hilfe, ehrlichem Interesse und ernstgemeinter Besorgnis. Von lebensfrohen, tanzenden und feiernden Menschen in den kleinsten Bars und Straßencafés, die auf den ersten Blick heruntergekommen aussehen. Von Freunden von Freunden, die jemanden kennen, der weiterhelfen kann oder sich interviewen lässt, obwohl wir uns noch nie gesehen, geschweige denn gesprochen haben.

Und bei all dem merke ich langsam, wie ich mich diesen Menschen immer verbundener fühle. Weil wir uns trotz aller Unterschiede doch ähnlicher sind als zuvor gedacht.

Ich fühle mich hier willkommen und aufgenommen. Mit all meinen Vorstellungen über dieses Land, meiner westlichen Sicht und meinen mangelnden (aber sich immer weiterentwickelnden) Sprachkenntnissen. Und bei all dem merke ich langsam, wie ich mich diesen Menschen immer verbundener fühle. Weil wir uns trotz aller Unterschiede doch ähnlicher sind als zuvor gedacht.

I.C.L, 2024

Dies ist der siebte wöchtentliche Bericht meiner dreimonatigen Reise durch das größte Land Südamerikas, dieses Mal für KW 44. Die Videos und Interviews werden nach und nach auf meinem Youtube-Kanal veröffentlicht, ich bitte um Geduld.

Avatar von Isabel L

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3 Kommentare zu „Wie die Brasilianer mein Herz gewonnen haben“

  1. Avatar von
    Anonym

    Liebe Isabel 🙏 du schöne Seele.

    Danke für deine eindrucksvolle Berichterstattung aus Brasilien.

    Ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg und einen schönen Aufenthalt.

    Sende einen segnenden Gedanken von Herzen, alles in Liebe, Umarmung Franz 💐

  2. Avatar von
    Anonym

    Liebe Isabel💕 Danke für deine Eindrücke aus diesem faszinierenden Land! Wahnsinnig spannend zu lesen, wie die Menschen dort ticken. Ich bin mir sicher, dass deine Portugiesisch-Kenntnisse inzwischen mehr als ausgereift sind 😉 Ich wünsch dir weiterhin alles Gute auf deiner Reise und freue mich auf weitere Berichte von dir!🥰 Julia

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