Während in Wien und München die Schals und Handschuhe ausgepackt werden, kann der Südbrasilianer in Santa Catarina endlich wieder Flipflops tragen. Mit den Havaianas schleichen sich im November auch die ersten blinkenden Lichter und übergroßen Kugeln ein: Die Vorweihnachtszeit beginnt! Und nirgends wird die mehr zelebriert als im beschaulichen Gramado mit seinen 40.000 Einwohnern, einer Gemeinde, der man ihren deutschen und italienischen Einfluss deutlich ansieht.
Als ich Zuckerstangen im Grünstreifen und ganze Baldachine aus Lichterketten bewundere und mindestens fünf Nikoläusen begegnet bin, pulsiert plötzlich mein Kopf. Kaffee könnte helfen, denke ich und suche nach einem guten Ort dafür. Im Bela Vista Café Colonial etwas außerhalb des Weihnachtstrubels erwartet mich zwischen Streifentapeten und Holzeinrichtung nicht nur das Koffein, sondern auch ein üppiges Buffet, mit dem ich nicht gerechnet habe. Für 125 Rais (25 Euro) kann man sich dort durch eine ganze Palette an Köstlichkeiten schlemmen. Ein Kellner stellt Teller für Teller mit einem lauten „Klack“ auf die Glasplatte meines Tisches: Pao de Queijo-Bällchen, frittierte Schweineschnitzel und Hühnerkeule, kleine Sandwiches, mit Schinken und Käse gefüllte, frittierte Taschen, eine dicke Wurst und vier Teller mit Kuchenstücken. Dann gibt es vier verschiedenen Marmeladen, Butter, Frischkäse, Honig und Requejao (einer Art Schmelzkäse). Und eingelegtes Gemüse, wie man es in Brasilien oft bekommt: Blumenkohl, Zwiebel, Karotte und saure Gürkchen. „Cafe?“, fragt er. Ich nicke. „Com leite?“ „Sim, por favor.“
Überwältigt von der Auswahl sitze ich da, als ein weiterer Kellner um die Ecke kommt und mir gegrilltes Fleisch anbietet. Ich lehne freundlich ab, während ich den ersten Bissen und den Schock noch verdaue. Um die zusätzliche Käse- und Wurstauswahl mache ich einen Bogen und werfe einen Blick auf das angepriesene Kuchenbuffet im Kühlschrank um die Ecke. Verzeihung – in den drei Kühlschränken um die Ecke. Dort stehen mindestens zwölf Torten in allen Variationen, die man sich hier vorstellen kann, dazu eingelegte Birnen und eine Maracuja-Creme.
Ich schaue mich um. Das Café ist gut gefüllt, dreiviertel der Tische sind belegt. Es ist mittlerweile 13.30 Uhr. Ein Frühstück ist das nicht mehr. Von der Decke hängen schöne, geschwungene Laternen aus Metall und geschliffenem Glas, auf den Holztischen liegen Tischdecken mit übergroßen Blumen in dezenten Farben, darüber eine Glasplatte.
Während ich mich durch den Berg von Essen probiere, das zwar nicht außergewöhnlich gut ist, aber durch die Atmosphäre zu etwas Besonderem wird, beobachte ich die anderen Gäste: Familien, Paare und selbst die Kleinsten genießen die reiche Auswahl. Beliebt ist auch die Eistruhe – mit Selbstbedienung, versteht sich. Nach zwei Stunden tragen die Kellner immer noch Tabletts durch den Raum und das gemütliche Café ist gut gefüllt. Ich sitze bei meiner dritten Tasse Filterkaffee mit Milch und habe die Kopfschmerzen fast besiegt. Auf meinem Tisch steht mindestens noch die Hälfte des Essens, das mir gebracht wurde.
Der Brunch ist wie ganz Gramado: Irgendwie zu viel, aber mit Herz
Dieses Café steht sinnbildlich für meinen gesamten Besuch in Gramado in seiner Vorweihnachtszeit: Ein bisschen zu viel, überwältigend, kräftezehrend, aber immer wieder beeindruckend, überraschend und so voller Herzlichkeit und Wärme. Die Stadt leuchtet und blinkt überall und fast jeden Abend findet eine 50-minütige Parade auf der wichtigsten Straße statt, die trotz Kitsch wirklich beeindruckend ist. Am Ende schneit es sogar! Von Mitte Oktober bis Mitte Januar wird hier Weihnachten gefeiert – und alle ziehen mit. Jeder Kreisel, jedes Hotel und Geschäft ist geschmückt, auf den Mittelstreifen der Sraßen stehen übergroße rote Kugeln mit Lichterketten und der Weihnachtsmann empfängt in seinem Haus im Weihnachtsdorf die Kleinsten. Besonders beliebte Geschenke aus Gramado sind Schokolade, Wein, Messer und andere spezielle Köstlichkeiten wie Wurst, Käse und Kekse aus der Region (Serra Gaúcha). Die Brasilianer zelebrieren Fondue mit Freunden oder der Familie und die Gemeinde bemüht sich nicht nur um weihnachtliche Dekoration, sondern auch um saubere Straßen und Blumen in den Rabatten.
Neben der Parade im Zentrum der Gemeinde (Grandes Desfiles) findet mehrmals in der Woche eine Show (Navitaten) mit Feuerwerk, Tänzern, Sängern und Lichtern statt, die die Geburt Jesu Christi feiert. Eigens dafür wurde eine Arena gebaut, in der Sänger in glitzernden Kleidern Weihnachtsklassiker neu interpretieren. Das Fest wird hier anders gefeiert und darauf sind die Gramadense stolz. Bereits im März wird mit den Vorbereitungen begonnen, wie mir Rosa Helena Volk vom Tourismusverband erklärt. Wem das zu früh ist, der sucht sich besser einen anderen Wohnort aus. Wer eine unvergessliche Vorweihnachtszeit bei frühlingshaften Temperaturen und sintflutartigen Schauern erleben will, der sollte sich auf nach Santa Catarina machen: Gramado ist definitiv einen Besuch wert.
Dies ist der achte wöchentliche Bericht meiner dreimonatigen Reise durch das größte Land Südamerikas, diesmal für KW 46.

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