„Mutig, dass du alleine reist.“ Wie oft habe ich diesen Satz in den letzten neun Wochen gehört. Mut hat mich diese Entscheidung definitiv gekostet. Ich habe sie nur getroffen, weil ich das Vertrauen habe, dass ich beschützt bin, dass es gut werden wird, wenn ich darum bitte. Furcht und Zweifel haben mich anfangs begleitet. Aber die Neugierde war größer. Ja, es gibt Momente des Alleineseins (nicht der Einsamkeit!) und solche, in denen ich nicht jede Möglichkeit alleine ausloten und Entscheidungen selbst treffen möchte. Aber alleine zu reisen, bedeutet, sich besser kennenzulernen, mit den Schwächen konfrontiert zu sein, aber auch herauszufinden, wie viel man in Wahrheit kann. Und es bedeutet, seine Gedanken zu kontrollieren, die kommen, wenn man viel mit sich selbst beschäftigt ist.

Außerdem begegne ich Menschen ganz anders. Ich muss Kontakt aufnehmen und mich durchfragen, ich muss mich auf ihre Lebensweise einstellen. So kann ich mehr eintauchen in ihr Leben und mich auf sie einlassen. Und während ich das tue, lerne ich nicht nur mich besser kennen, sondern bekomme einen Eindruck von den Einstellungen und den Denkweisen der Brasilianer. Die unseren in Mitteleuropa erstaunlich ähnlich sind: Jeder möchte das Beste für seine Familie, ein friedliches und würdevolles Leben in Strukturen, die den Menschen dienen und nicht nur einer ausgewählten Gruppe. So einfach, so klar.

Weil man sich aber auf vieles außerhalb der eigenen vier Wände nicht verlassen kann, ist die Familie der einzige Rückzugsort, der funktioniert und Halt gibt. Nur jede fünfte Ehe wird hier geschieden (21 Prozent), in Deutschland ist es mehr als jede dritte (37 Prozent). Vielleicht liegt es daran, dass die Brasilianer ihre Zeit mehr nach der Familie ausrichten und dass sie das auch müssen, denn ein sozialpolitisches Auffangnetz wie in Mittel- und Nordeuropa existiert hier nicht. Mit dem Unterstützungsprogramm „Bolsa Familia“ der Regierung bekommen aber all jene Geld, deren Einkommen unter dem Mindestgehalt von 1412 Reais (233 Euro) liegt.

Luciana und Ronaldo mit ihrem Sohn aus Torres in Santa Catarina

Familie ist in Brasilien noch ein bisschen wie „früher“

Sonntags ist Churrasco-Tag, zu dem die ganze Familie zusammenkommt und ordentlich Fleisch auf dem Grill landet. Oft dauern diese Familienessen den ganzen Nachmittag: Neben dem fleischlastigen Essen, das sonst nur aus wenig Beilagen besteht, gibt es Pudim de Leite aus Kondensmilch und dazu Früchte, begleitet von einem cafezinho. Etwas, das mir bei den oft aufwändigen Vorbereitungen in privilegierten, europäischstämmigen Familien aufgefallen ist, ist die Rollenverteilung. Sie ist hier noch traditioneller, aber nicht auf eine despektierliche Art. Das Kochen und Essenvorbereiten ist fast ausschließlich Aufgabe der Frauen, die aber in der Regel selbst gut gebildet sind und ihre Rolle wie selbstverständlich annehmen. Einen Mann in der Küche habe ich bei keinem meiner Familienbesuche gesehen. Sie kümmern sich um den Hof und die Tiere (wenn es welche gibt) und darum, dass das Essen eingekauft ist und alle dort hinkommen, wo sie hin müssen.

Bei Elisabeth Wagner (89) und ihrer Tochter Juliana (63), die in der Nähe von Florianopolis und nicht weit weg vom Meer wohnen, ist das ein bisschen anders. Die beiden Frauen stemmen ihren Alltag gemeinsam – aber ohne Mann im Haus. Elisabeth wurde in Brasilien geboren. Ihre Eltern zogen zurück nach Deutschland und steckten dort fest, als der Zweite Weltkrieg begann. Es gab kein Entkommen mehr, ihr Schiff wurde abgefangen und durfte nicht anlegen. Ende des Zweiten Weltkriegs floh sie als Kind und ohne Eltern vor der Roten Armee und kam in einem Heim für Kinder in Polen unter. Erst 1953 konnte sie nach Brasilien zurückkehren.

Sie und ihre Tochter haben mich viel gelehrt darüber, wie wichtig der Zusammenhalt als Familie ist und wie dankbar wir sein können, wenn wir sie um uns haben. Eine wichtige Erinnerung in einer Zeit, in der meine eigene auf einem anderen Kontinent ist. Die fünf Tage bei diesen beiden starken Frauen haben mir gezeigt, dass sich harte Arbeit auszahlt, dass das Leben uns immer wieder Steine in den Weg werfen wird und dass wir trotz allem vertrauen dürfen und uns glücklich schätzen können, wenn wir uns auf eine unterstützende Familie verlassen können.

Juliana Malfitani mit ihrer Mutter Elisabeth Wagner in Florianopolis

Ich habe während meiner Reise in allen Familien, die sich mir geöffnet und ihre Geschichten erzählt haben, Herzlichkeit, Zusammenhalt und Gemeinschaft erfahren, die mich nicht nur als Journalistin bewegt, sondern mir auch Kraft gibt, während ich alleine unterwegs bin. Ich wurde aufgenommen wie ein eigenes Kind, zum Essen eingeladen und durfte auch abseits der Interviews eintauchen in die Geschichten und das Denken der Familien, die ich besucht habe. Während ich gleichzeitig in meinem Instagram-Feed Fotos und Videos von feiernden Menschenmengen auf Partys in São Paulo und großen Freundeskreisen am Strand sehe, erfüllt mich der enge Kontakt mit denen, die sich mir öffnen und ihr Leben für eine gewisse Zeit mit mir teilen, viel mehr.

Obrigada, caros Brasilieros.

Dies ist der neunte wöchentliche Bericht meiner Reise durch das größte Land Südamerikas, diesmal für KW 47. Ein Teil meiner Arbeit ist bereits auf meinem Youtube-Kanal zu finden.

I.C.L., 2024

Avatar von Isabel L

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