Unterentwickelt, kriminell, hilfsbedürftig – das Bild, das in der Welt von Brasiliens Gesellschaft und Politik existiert, ist alles andere als positiv. Korrupte Politiker, die sich nicht um Armut, Drogenprobleme und Gewalt kümmern, sondern stattdessen in die eigenen Taschen wirtschaften und vom Schutz von Minderheiten und der Natur wenig zu halten scheinen, prägen Brasiliens Bild in Europa. Dazu Müllberge, zerfallene Häuser und Favelas, in denen Menschen hausen, weil die Infrastruktur kaum funktioniert. Manch ein Europäer atmet innerlich auf und ist dankbar, dass er nicht in Südamerika lebt, weil „hier“ doch alles viel besser ist. Das Bild von Brasilien ist in den Köpfen der Menschen fix und führt dazu, dass man sich insgeheim überlegen fühlt.

Der palästinensiche Literaturkritiker Edward Said (1935-2003) hat dafür 1978 einen Begriff geprägt: Den Orientalismus. Damit beschreibt er das Überlegenheitsgefühl des Westens beim Blick auf die „fremden“ Gesellschaften des Nahen, Mittleren und Fernen Ostens. Gemeint sind damit die arabischen Staaten und Indien. Ich möchte ihn für die Beziehung Europas zu Brasilien ebenfalls anwenden. Oft wird der Orientalismus mit dem Kolonialismus zusammen genannt, den es in Brasilien ja für sehr lange Zeit gab. Auch heutzutage spricht man noch von den „Kolonisten“ aus Europa und meint damit die Familien aus Italien und Deutschland, die sich auf Ruf der portugiesischen Krone hin im Süden des Landes niederließen und dort ihre Kolonien gründeten. Und in Paraguay bezeichnen sich die Deutschen in Independencia immer noch so, auch wenn das Wort „Kolonie“ mittlerweile aus dem Namen gestrichen wurde.

  1. Überlegenheit durch Stigmatisierung

Aber woher kommt nun diese Überlegenheit und wodurch wird sie gestützt? Wir alle denken gerne in Mustern, die es uns leichter machen, Situationen einzuordnen und zu bewerten. Einmal gefasste Überzeugungen lassen sich nur mit viel Anstrengung wieder aufweichen und revidieren. Das Denkmuster lautet in etwa so: Der sichere, entwickelte, zivilisierte Westen helfe dem bedürftigen, kämpfenden Süden und das werde auch noch viele Jahre notwendig sein. Der Süden brauche uns, um das Ziel zu erreichen, dass er anstrebe: Mehr wie wir zu sein, sich weiterzuentwicklen und damit besser zu werden. Das ist das Narrativ, das in vielen Köpfen im Westen existiert und weitergetragen wird.

„Latent orientalism was described as the predisposed ideas of the Orient which the West has regurgitated to such a grave extent that they are now heavily engrained to be the norms of the East. Descriptions of primitiveness, irrationality and eccentricity are therefore covered by this area. There is an ‘unconscious positivity’ and subsequent permanence of his Oriental knowledge. Hence, even if our attitudes towards it change overtime, it will continue to live on as the general notions of orientalism.“ (Arthur (2022) nach Said (2003, 22))

Diese Überlegenheit und das wahrgenommen Hilfsbedürfnis entstehen laut Said durch den permanenten Vergleich zwischen westlichen und östlichen (in unserem Fall südlichen) Gesellschaften wie demokratisch, wirtschaftlich stark, innovativ und kulturell reich sie sind – nur um zur Schlussfolgerung zu gelangen, dass der Westen weiterentwickelter ist und alle anderen Nationen sich seine Lebensweise, Staatsformen und wirtschaftlichen Entscheidungen abschauen sollten. Sicher und stabil ist er ebenfalls und Überfälle und Korruption gibt es sowieso nur in der südlichen Hemisphäre, also südlich des Äquators. Oder? Diese Gegenüberstellung stellt Said ins Zentrum seiner Orientalismus-Theorie.

Aus dieser Überlegenheitshaltung heraus argumentiert Said, dass der westliche Blick getrübt sei von dem Ansinnen, den Orient zu „dominieren, neu zu strukturieren und Autorität“ über ihn zu haben. Jetzt ist Brasilien nicht der Osten oder der Orient, aber Teil des globalen Südens, der ebenfalls mit Stigmata versehen ist. Und jahrhundertelang wurde das Land durch Großgrundbesitzer ausgebeutet, die dafür eigens Menschen aus Afrika einschifften und versklavten, um mit Gold und Kaffee Geld zu machen.

2. Überlegenheit durch Romantisierung

Brasilien ist das Land des Regenwalds, wunderschöner weißer Sandstrände mit Palmen und Caipirinha, bunten Farben und mitreißenden Samba-Rhythmen. Das perfekte Urlaubsland oder? In vergleichsweise sicheren Touristenorten und Urlaubsresorts im paradiesischen Nordosten, bei geführten Touren durch Rio de Janeiro und mit einer Kokosnuss oder Beijinhos (den kleinen Pralinen aus Kondensmilch, Zucker und Ei, die dann in Schokolade oder Kokosraspeln gewälzt werden) in der Hand oder im europäisierten Süden lässt sich entspannen und die Misere ein paar Kilometer weiter ausblenden. Das ist nicht das ganze Brasilien, sondern nur ein kleiner Teil davon. Die Misere ist bekannt, aber ihr wird gekonnt aus dem Weg gegangen.

Europa ist zum Arbeiten und zum Leben besser, was vor allem Brasilianer aus der gehobenen Mittelschicht erkannt haben; nach Brasilien geht’s für die Sandstrände und die Exotik. Capirinha am Ipanema-Strand mit Blick auf die Christusstatue, die Sumpfgebiete des Pantanals, der abenteuerliche Amazonas-Regenwald (Heimat vieler Indigener), bunte Häuser in Salvador und überall dazwischen freundliche Brasilianer mit ihrer ansteckenden Lebensfreude und Gastfreundschaft – all das ist Teil des romantischen Bildes, das hier gezeichnet und aufrechterhalten wird. Ich war und bin nach meiner beiden Besuche 2023 und 2024 keine Ausnahme davon.

3. Der Mongrel-Komplex oder „Straßenhund“-Komplex

Sich mit der „entwickelten Welt“ zu vergleichen und dabei kollektiv minderwertig zu fühlen, ist laut dem brasilianischen Autoren und Journalisten Nelson Rodrigues Teil des Selbstverständnisses Brasiliens. Weißer und damit westlicher zu werden war im späten 19. Jahrhundert erstrebenswert und sogar einen Begriff wert: Branqueamento (branco bedeutet weiß). Der Mongrel-Komplex beschreibt dieses Minderwertigkeitsgefühl der Brasilianer. Rodrigues nennt es umgedrehten Narzissmus: Anstatt selbstbewusst das zu vertreten und weiterzuentwickeln, was man hat, versucht das Land anderen Staaten nachzueifern. Alles, was aus Europa oder den USA kommt, werde überbewertet und das indigene, ursprüngliche Brasilianische eher abgelehnt (Mendes 2010).

Auffällig ist, dass das Selbstverständnis der Brasilianer von den USA beeinflusst ist und sich der Blick oft gen Norden richtet. Die USA werden als erstrebenswertes Beispiel erachtet, dem nachgeeifert wird und dessen Lebensweisen mit exzessivem Smartphonekonsum und Übertechnologisierung man übernimmt – obwohl die eigene Infrastruktur es noch nicht zulässt. Amerikanische Filme, Musik und Mode haben einen großen Einfluss im Alltag und auf die Kultur und in den USA zu studieren oder zu arbeiten ist der Traum vieler junger Brasilianer. Die Bedingungen dort werden romantisiert, wie auch Brasilianer im Internet selbstkritisch zugeben. Wer es in die Staaten schafft, kehrt oft nicht zurück. Und dann ist da noch der alte Kontinent Europa, auf dem fast zwei Drittel der Brasilianer (62 Prozent) zumindest einen Teil ihrer Wurzeln haben und wo 1,7 Millionen Auslandsbrasilianer leben. Ferne Sehnsuchtsorte untermauern das Bild von Europa als dem „gelobten“ Kontinent, auf den eigentlich jeder Brasilianer auswandern will.

4. Brasilien wird sein Bild in der Welt nur schwer los

Die empfundene Überlegenheit führt dazu, dass Brasiliens staatliche Strukturen inklusiver höchster Ämter weltpolitisch nicht so ernstgenommen werden und der Politik trotz der Größe und der Bedeutung in Südamerika global nicht der Wert beigemessen wird, den das Land verdient hätte. Zudem gehen damit auch Vorurteile über seine Einwohner einher, über kriminelle, ungebildete und arbeitsscheue Menschen. Das beeinflusst einerseits die Art, wie der Staat international behandelt wird und andererseits die Einschätzung des Potenzials der Menschen von dort – etwa, wenn sie in Europa Jobs suchen oder studieren wollen. Damit soll nicht suggeriert werden, dass es keine Unterschiede gäbe, sondern dass das Überlegenheitsgefühl den Westen (Europa und USA) in eine Situation des Helfers und Lehrers bringt, nach dem der Süden (Brasilien) gar nicht gefragt hat.

Samuel P. Huntington 2024 Samuel P. Huntington (1927-2008) bezeichnet das in seinem 600 Seiten starken Werk aus dem Jahr 1996 als „Kampf der Kulturen“: Zivilisationen, die laut dem amerikanischen Politikwissenschaftler nicht an Staatsgrenzen festzumachen sind, sondern sich darüber hinaus erstrecken, konkurrieren um Dominanz ihrer Ideologien. Statt dass die verschiedenen Kulturen – wie die lateinamerikanische, europäische und arabische – koexistierten und sich ihre Eigenheiten behielten, entstehe eine universale Kultur (Huntington 1996, 93) und die Menschheit rücke kulturell zusammen: Gemeinsame Werte, Überzeugungen, Orientierungen, Praktiken und Institutionen würden zunehmend akzeptiert (Huntington 1996, 76). Doch vielerorts würden diese vermeintlich universellen Werte den „nichtwestlichen“ Gesellschaften einfach übergestülpt, was sie als Imperialismus empfänden (Huntington 1996, 93).

Die Gegensätzlichkeiten, die sich in Brasilien unweigerlich auftun: Die paradiesischen Sandstrände lenken von der Misere ab, die sich auch durch die Kolonialisierung des Landes über 300 Jahre inklusive der Sklavenhaltung ergeben hat.

5. Verständnis und Akzeptanz statt Maßnahmen mit der Keule

Dieser Artikel ist der Versuch, einen Aspekt des Selbstverständnisses der Brasilianer greifbarer zu machen. Er stellt Verallgemeinerungen über diesen Teil des globalen Südens an und schert 216 Millionen Menschen über einen Kamm, was der Vereinfachung dient. Die Geschichte Brasiliens auf dem Weg zur Nation, wie wir sie heute kennen, ist geprägt von seiner langen Kolonialgeschichte, aggressiver Erkundung des Inlandes durch europäische bandeirantes, Ausbeutung und Schwierigkeiten wie mangelnder Integration der ehemaligen Sklaven in die sich rasant entwickelnde Gesellschaft, mit denen das Land bis heute im sozialen Zusammenleben zu kämpfen hat.

Aber auch die neuere Geschichte Brasiliens beeinflusst das Selbstverständnis und den Blick von außen gleichermaßen: seine Verbindungen zu Europa, die Nähe zu den USA und Grenzen mit spanischsprachigen Ländern sind die heutigen Herausforderungen. Es scheint, dass die Menschen auch 525 Jahre nach der offiziellen Entdeckung Brasiliens durch einen Portugiesen (1500), 203 Jahre nach der Unabhängigkeit (1822) und 137 Jahre nach Abschaffung der sehr prägenden Sklaverei (1888) immer noch auf dem Weg sind, eine eigene nationale Identität herauszubilden und dabei mit der Entwicklung um sie herum nicht ganz Schritt halten können.

Wer Brasilien erforschen, erkunden oder verstehen will, muss sich Zeit nehmen und tief graben. Das Land ist riesig, vielfältig und viele Phänomene lassen sich am besten mit einem guten Verständnis der historischen Entwicklung erklären (etwa die Entstehung der Favelas). Der europäisch-westliche und nordamerikanische Blick mit der Überzeugung, zu wissen, was das Beste für die Menschen sei und wie sich Armut, Kriminalität und Korruption lösen ließen, führt offensichtlich nicht dazu, dass sich Brasilien weiterentwickelt. Dafür braucht es mehr Fingerspitzengefühl, Einfühlungsvermögen und Vorsicht. Brasilien deswegen nicht zu entdecken und seine faszinierende Kultur, interessanten Menschen und beeindruckende Natur nicht kennenzulernen, wäre eine verpasste Chance.

Dies ist mein dreizehnter wöchentlicher Bericht meiner Reise durch das größte Land Südamerkias. Nach Abschluss meiner drei Monate in Südamerika ist damit jetzt und hier Schluss. Ich habe viel Videomaterial gesammelt, das ich bearbeiten und auf Youtube veröffentlichen werde. Hier auf meinem Blog werde ich es parallel schriftlich begleiten und vertiefen. Außerdem verfolge ich das Interview-Projekt „Was ist Freiheit für dich?“ mit den Kurzvideos weiter und veröffentliche zukünftig auf Instagram auch Antworten aus Österreich und Deutschland.

Danke, dass ihr meine Reise mitverfolgt habt, fleißig kommentiert habt und ein großes Dankeschön für euer Interesse und eure Unterstützung!

I.C.L., 2025

Quellen:

Arthur, Leah. 2022. Did Edward Said’s Orientalism inaugurate a new kind of study of colonialism? Kent Law Review 2022 (7): 1., Zugriff am 17.01.2025

Huntington, Samuel P. 1996. Kampf der Kulturen. München: Goldmann Verlag.

Mendes, C. 2010. Subcultura e mudanca: Por que me envergonho do meu país. Rio de Janeiro: Topbooks Editora.

Quora. 2016. What do people of Brazil think of the United States? https://www.quora.com/What-do-people-of-Brazil-think-of-the-United-States , Zugriff am 15.01.2025

Rodrigues, Nelson. 1958. Vamos deixar o scratch ser campeao do mundo. Jornal dos Sports, 17.6.1958.

Said, Edward W. 1978. Orientalism. New York: Pantheon Books.

Said, Edward W. 2003. Orientalism. London: Penguin.

Statista. 2024. Number of Brazilian citizens abroad in 2023, by region. https://www.statista.com/statistics/1394267/brazil-community-abroad-2021/ , Zugriff am 14.01.2025

Bildnachweise:

Samuel P. Huntington: Samuel P. Huntington beim WEF in Davos 2024, Creative Commons, Fotograf Peter Lauth für World Economic Forum https://www.flickr.com/photos/ , Zugriff am 17.01.2025

Edward Said: Flickr, Creative Commons Lizenz, Fotograf Gary Stevens, https://www.flickr.com/photos/garysoup/4833231056 , Zugriff am 17.01.2025

Gemälde Sklavenhalter und Sklaven: Jean-Baptiste Debret: The Dinner (1839), https://garystockbridge617.getarchive.net/amp/media/a-brazilian-family-in-rio-de-janeiro-by-jean-baptiste-debret-1839-9d704d , Zugriff am 18.01.2025

Avatar von Isabel L

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2 Kommentare zu „Wie die Europäer Brasilien romantisieren und stigmatisieren“

  1. Avatar von
    Anonym

    Parabéns Isabel!!! Ótimo conteúdo que merece ser relido e com reflexão diária… espero que retorne ao Brasil várias vezes e perceba mudanças positivas ..Eu sou talvez uma das poucas brasileiras que não pensa em morar fora daqui, amo meu país com suas qualidades e seus defeitos… um forte abraço e continue escrevendo assim..

    1. Avatar von Isabel L

      Muito obrigada, leitor anônimo 🙂 Já estou ansioso pela próxima viagem ao Brasil porque o país e seus habitantes estão em meu coração.
      Estou acompanhando de perto os acontecimentos/desenvolvimentos no Brasil e espero que as pessoas nunca desistam de trabalhar por um futuro melhor!
      Obrigado novamente pela sua resposta ao meu artigo. Comentários como esse são o que tornam meu trabalho tão extraordinário.

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