„Capoeira ist nicht nur ein Kampfsport, Capoeira ist viel mehr: Eine Lebensphilosopie, es geht um Kommunikation und es ist Tanz und Kampf in einem“, erklärt mir Antônio Nunes (60) in einem Café am Flughafen Salzburg. Der Brasilianer, der in Belgien lebt, spricht über seine Leidenschaft: die Kampfkunst Capoeria aus seiner Heimat, die eigentlich mehr Tanz und Spiel ist als Kampf. Nunes kommt aus Salvador in Bahia im Nordosten Brasilien und behauptet, Capoeira nach Deutschland gebracht zu haben. Als Meister (mestre) leitet er in Aachen eine eigene Schule. Auf der Matte heißt er nicht Antônio, sondern Mestre Dendê, einen Namen, den er selbst gewählt hat. Dendê bedeutet Ölpalme, damit sind aber die Samen gemeint, aus denen das Öl gewonnen wird. Er praktiziert Capoeira seitdem er ein Kind ist, fast 50 Jahre schon.

„Capoeira ist mein Leben“, sagt der 60-Jährige. Mit den Schritten, Tritten, Sprüngen und Drehungen, die von typisch brasilianischen Instrumenten begleitet werden und bei Wettkämpfen gegen wechselnde Gegner angewandt werden, hält er sich fit. Und bewahrt eine vermutlich 400 Jahre alte Tradition, die nicht als Sport ihren Anfang nahm.

Der Ursprung: Wahrscheinlich der Sklavenhandel in Bahia

Capoeira lässt sich bis auf die Straßen Salvadors zurückverfolgen, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaats Bahia im Osten des Landes. Die Stadt, die für ihre Sandstrände, aber vor allem die bunten Häuser bekannt ist, ist eine der ältesten Brasiliens. Wie weitere Orte an der Küste des heutigen Bundesstaats war sie der erste Anlaufpunkt der portugiesischen Kolonialisten. Der Hafen von Salvador war nicht nur das Drehkreuz der Schiffe der Portugiesen, die dort wertvolle Güter (Zucker, Baumwolle, Soja) verluden, sondern ab Mitte des 16. Jahrhunderts auch der wichtigste Ort für den Sklavenhandel. Fast die Hälfte (5,5 Millionen) der insgesamt 12 Millionen zwischen 1540 und 1870 verschleppten Afrikaner kamen nach Brasilien. Nachdem sie in den Hafen von Salvador eingelaufen waren, mussten sie auf den vielen Zuckerrohrplantagen in der Gegend arbeiten.

Die Menschen wurden zu einem Großteil von der afrikanischen Westküste (Benin und Nigeria) verschleppt – natürlich nicht ohne Widerstand. Einige der Sklaven lernten sich zu verteidigen, andere schafften es sogar, der Gefangenschaft in den Herrenhäusern zu entfliehen. Um das Üben der Techniken zu ihrer Verteidigung zu vertuschen, tarnten es die Sklaven als Tanz und spielten Musik dazu. 1789 wurde Capoeira zum ersten Mal erwähnt, aber die Sklaven praktizierten es im damaligen portugiesischen Königreich Brasilien vermutlich bereits lange davor.

Denn Capoeira ist mehr als Kampfsport: Es ist eine Kunst, ein Tanz, eine Lebenseinstellung und gleichzeitig eine Art der Selbstdisziplin. Aber vor allem ist es heute ein Spiel, was dem ursprünglichen Charakter des Vor und Zurück zwischen Sklavenhalter und den Versklavten zeigt.

Augustus Earle, ca. 1824: Negros fighting using Capoeira steps. Painting by Augustus Earle depicting the illegal capoeira game/dance/martial art in Rio de Janeiro.
Ein Gemälde von Augustus Earle, ca. 1824, zeigt Sklaven dabei, wie sie in Rio de Janeiro verbotenerweise Capoeira trainieren

Wie Capoeira wirklich entstand, ist nur unzureichend gesichert: Es ranken sich viele Mythen und Geschichten um die Anfänge. Der Begriff allerdings leitet sich am wahrscheinlichsten von den beiden indigenen Tupi-Wörtern ka’a („Wald“) und paũ („rund“) ab, mit denen die niedrigwachsende Vegetation im Innern von Brasilien gemeint ist, wo sich geflohene Sklaven versteckten. Die Tupi waren die größte ethnische Gruppe Brasiliens vor der portugiesischen Kolonialisierung. Noch heute ist das brasilianische Portugiesisch voller Tupi-Ausdrücke, etwa die Bezeichnung der Einwohner von Rio de Janeiro als Carioca, Abacaxi für Ananas oder Caju für die Cashewnuss.

Capoeira heute: Sport, Musik und Tanz in einem

Als 1888 die damalige Herrscherin Prinzessin Isabel die Sklaverei per Dekret abschaffte, blieben die ehemaligen Sklaven im Land und mit ihnen auch ihre Kultur. Übrigens: Die sich anbahnende Abschaffung der Sklaverei war ein Grund, warum die portugiesische Krone bereits in den 1810er Jahren Menschen aus Mitteleuropa rief und ihnen Land versprach, um Arbeitskräfte zu haben, das riesige Reich zu besiedeln und um es zu verteidigen. Vierzig Jahre nach dem Verbot eröffnete Mestre Bimba 1932 in Bahia die erste Schule.

Heute hat Capoeira den Status eines Nationalsports (neben futebol natürlich), durch den die afroamerikanische Bevölkerung Brasiliens ihre Kultur ausdrückt. Ende der Siebziger wurde es von der Unesco zum immateriellen Weltkulturerbe erkoren, wodurch auch in größeren europäischen Städeten Capoeira-Gruppen entstanden. Die brutalste Form des Kampfsports ist das Capoeira carioca, wie es in Rio de Janeiro praktiziert wird und in dem so gut wie alles erlaubt ist – auch Messer und Waffen.

In Europa, wo der Sport immer beliebter wird, geht es vor allem darum, eigene Unsicherheiten und Schwierigkeiten anzunehmen, an sich selbst zu glauben und zu verstehen, dass es nur mit anderen geht und das größte Potenzial in der Gemeinschaft liegt. Das Regelbuch der Weltvereinigung für Capoeira beschreibt die einzelnen Teile des Wettkampfs: Roda (Wettbewerb in einem Kreis aus Umstehenden), Bateria (Begleitmusik) und Jogo (Spiel). Bewertet werden der Rhythmus, die Ausführung der Techniken, die körperliche Ausstattung der Spieler und ihre Moral. Wie wirksam sind die Angriffe mit den Beinen und wie akrobatisch korrekt und flüssig werden die Bewegungen ausgeführt? Ziel ist es, ein Ausweichen und Kontern des Gegners zu verhindern. Danach werden Punkte vergeben und so die Gewinner in verschiedenen Alters- und Gewichtsklassen ermittelt.

Die Abfolgen aus Schritten, Tritten, Sprüngen, Drehungen und Ausweichbewegungen auf dem Boden werden im Laufe des Spiels mit der Musik zusammen immer schneller, wodurch auf jede „Frage“ promt eine „Antwort“ folgt und das Spiel zu einer flüssigen Abfolge von Angriff, Verteidigung und Gegenangriff wird. Dieser so entstandene Dialog „reicht von ,Smalltalk‘ über eine ,fachliche Diskussion‘ bis hin zu Streit und Kampf – anders gesagt: vom Tanz über das Spiel bis hin zum Kampf, abhängig von der Idee, mit der man sich in die Roda begibt“ (Meia Lua Inteira Wien 2018). Die Berimbao, ein pfeilbogenartiges Instrument, gibt den Takt an, die anderen Berimbaos, Tamburine und großen Trommeln (Atabaque) folgen, gemeinsam steigert man sich in der Geschwindigkeit und nutzt dabei auch die Stimme.

Capoeira-Spieler tragen Weiß, ähnlich wie andere Kampfsportartler von Karate oder Teakwondo. Weiß repräsentiert in der brasilianischen Kultur Reinheit. Zusätzlich wird seitlich an der Hüfte eine Kordel mit einem bunten Ende geknotet, das den Grad des Capoeiristas zeigt: Beige für den Anfänger, gefolgt von Gelb, Orange, Grün, Blau, Lila, Braun, Rot, Schwarz und schließlich Weiß als Zeichen des Grao Mestre, des großen Meisters. Zwischen den Farben gibt es Abstufungen, insgesamt sind es 22 Grade.

Und dann musste ich selbst ran

Und wie ist Capoeira für jemanden, der das noch nie gemacht hat, aber ein wenig Kampfsporterfahrung hat? Ungewohnt anstrengend für die Oberschenkel, die einen Großteil der Körperlast und der tänzerischen (Ausweich-)Bewegungen abfedern müssen. Schweißtreibend, da die schnellen Bewegungen den ganzen Körper fordern. Und eine Herausforderung für den Geist, der auf den Gegner eingehen und dabei den Takt der Musik beachten muss. Dabei in den Rodas von allen anderen Capoeiristas beobachtet zu werden, ist auch gewöhnungsbedürftig.

Dehnen sollte man sich, denn die Hüftgelenke müssen gut geschmiert sein für die Drehungen und Flicflacs, die einfacher aussehen als sie sind. Capoeira ist ein Gankörpertraining und schult sowohl Konzentration, als auch die Beweglichkeit und die Koordination. Das durfte ich selbst beim Workshop des Copa Camisa Roxa Festivals in Salzburg erfahren. Gestartet wird mit einfachen Hand-Fuß-Kombinationen, die schon einen Eindruck vermitteln, wie anstrengend und vor allem lange 45 Sekunden sein können. Wer Berührungsängste hat, für den ist der Sport nichts, auch wenn es eher selten zu direktem Körperkontakt kommt. Die Schnelligkeit der Bewegungen der beiden Partner sagt übrigens nichts über das Können aus, im Gegenteil: Je höher die Kordel, desto gezielter sind die Angriffe und Bewegungen.

Und wer es bis zum Mestre, also zum Meister schaffen will, der legt den zweiten Teil der Prüfung nicht in der typischen Trainingskleidung, sondern im weißen Anzug und in weißen Lackschuhen ab. Begleitet wird er von Musikern und dem rhythmischen Klatschen und Singen seiner Kollegen.

Vielleicht ist es der Geist des Widerstands und der Emanzipation, der heute die Faszination für Capoeira hochhält. Das Gemeinschaftsgefühl, Teil einer Gruppe zu sein, sich beim Tanzen und Kämpfen besser kennenzulernen und den eigenen Körper zu spüren. Wer Capoeira macht, lernt Portugiesisch, die brasilianische Musik und Lebenseinstellung und die Menschen des Landes kennen – und all das kann sehr überzeugend sein, sich von beige über den Regenbogen zu weiß hochzutanzen und zu kämpfen.

I.C.L., 2025

Quellen:

Merriam Webster. 2025. Capoeira. https://www.merriam-webster.com/dictionary/capoeira#word-history , Zugriff am 28.1. 2025

Capoeira Centro. 2024. As Graduacaoes: Graduacao Adulto. https://www.capoeiracentro.pt/as-graduacoes , Zugriff am 28.1.2025

Meia Lua Inteira Wien. 2018. Geschichte der Capoeira. https://www.capoeiravienna.at/geschichte-der-capoeira/ , Zugriff am 30.1.2025

Avatar von Isabel L

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