Während seine Kollegen auf 30 Meter hohe Masten klettern, um dort die Segel zu lösen, kann Helio Almeida (43) in seinem kleinen Purser-Büro auf der Sea Cloud gemütlich seinen Job erledigen. Aber wenn der Viermaster von 1931 die offene See durchsegelt, schaukelt es dort „unten“ bei Wellengang genauso viel: Nicht einfach, sich vor dem Bildschirm auf Rechnungen und Emails zu konzentrieren.
Helio ist auf der Luxus-Yacht als Zahlmeister (Purser) angestellt. Dort habe ich ihn während der letzten Kreuzfahrt der Sea Cloud befragt, wie er zu diesem Job mit einem Traumausblick gekommen ist und was das zur-See-fahren für ihn bedeutet. Sein Büro am Bug der Windjammer, unter der Treppe zum Oberdeck, ist klein und beengt. Ablageflächen aus Holz, die in die Wände verbaut sind, viele Wandschränkchen und ein Computer: Hier arbeiten die beiden Purser der Sea Clous Cruises, die sich an Bord des 95 Jahre alten Schiffs um die Dokumente und die Buchhaltung kümmern. Sie verwahren die Pässe der Passagiere und geben ihre Daten an die Behörden im Hafen weiter. Dass das Segelschiff anlegen kann und dort auch liegen bleiben darf, darum kümmert sich Helio mit seinen Kollegen. Die Genehmigung leitet er an den Kapitän auf der Brücke weiter. Helio wechselt außerdem Euro in Dollar und zurück, verwahrt die Pässe aller Passagiere und kümmert sich um Rechnungen.
Der Brasilianer arbeitete zuvor nur auf großen Kreuzfahrtsschiffen, die den Passagieren einiges an Luxus zu bieten hatten. Man fand ihn bei den Princess Cruises, Silver Sea und Regent Seven Seas – „top top Luxus-Liner“, wie er sagt. Auf der originalen, historischen Sea Cloud von 1931 ist er seit Ende 2024 und ist der Meinung: „Die Sea Cloud bietet das ursprüngliche zur Seefahren, das es so auf der Welt kein zweites Mal gibt.“
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Die Sea Cloud, erbaut 1931 als „Husar V“ von der deutschen Germania Werft in Kiel für das amerikanische Unternehmer-Ehepaar Francis Hutton und seiner Frau Marjorie Merriweather Post, gilt heute als die schönste und größte private Segelyacht der Welt. Das Schiff vom Typ „Windjammer“ hat vier Masten und kann bis zu 64 Gästen und fast ebenso viele Crewmitglieder (60) beherbergen. 47 Kabinen, davon acht für „besondere“ Gäste der Erbauer-Familie im Rumpf des Schiffs, sowie ein außergewöhnlicher Speisesaal sorgen für ein absolutes Luxusgefühl an Bord. Ihrem erstaunlich gut erhaltenem Zustand ist zu verdanken, dass Passagiere die Liebe zum Detail von Merriweather Post erleben und genießen können. 2001 wurde die jüngere Schwester, die Sea Cloud II, gebaut, die nur drei Masten hat, auf der aber 94 Gäste unterkommen. Der neueste Familienzuwachs ist die Sea Cloud Spirit, die erste seit 2021 über die Weltmeere segelt und den Fokus auf schnellerem Segeln.

Auch wenn das Segelschiff für Luxus steht, was vom Personal höchsten Service erfordert, sei sein Job „gemütlich“ (tranquilo). Das schätzt Helio nach seiner beruflichen Vergangenheit besonders.
Denn Helio war drei Jahre lang in den Favelas von Rio de Janeiro unterwegs. Nach einem Jura-Abschluss wollte er Staatsanwalt werden, arbeitete während eines Austauschs mit den USA aber als Sicherheitsoffizier und fand Gefallen daran. Zurück in Brasilien ließ er sich in der Akademie der Militärpolizei des Staates Rio de Janeiro ausbilden. Anschließend jagte er Drogenbosse und Gangs wie das Rote Kommando (Commando Vermelho) oder das Primeiro Comando da Capital (kurz: PCC), die sich mit Schusswaffen gegenseitig nach dem Leben trachten, Drogen und Waffen schmuggelten und die Bewohner der Favelas, der gefährlichen und infrastrukturell prekären Stadtteile Rios, mitunter in ihre Kämpfe hineinzogen. „Unser Job war es, die Straßen zu säubern“, sagt Helio ganz nüchtern.

Viel will er über diesen Teil seines Lebens nicht reden. Als das Gespräch darauf kommt, wird Helio still und seine fröhliche Art ist wie weggeblasen. Es sei „kompliziert“ und „schwierig“ gewesen. Was genau er in diesen drei Jahren erlebt und gesehen hat, bleibt sein Geheimnis. „Meine Familie und Freunde wollten immer, dass ich aufhöre.“ Ein Freund, der bei den amerikanischen Princess Cruises arbeitete, ermutigte ihn zu der Zeit, sich dort zu bewerben. Das war 2007. Seitdem kreuzt Helio über die Weltmeere, ist mal bei seiner Familie in Minas Gerais, bei Freunden in Rio oder in seiner Wohnung in Belo Horizonte. Nicht nur das zeigt, dass Helio ganz anders als die meisten seiner Landsleute auf der ganzen Welt zuhause ist. Seine beruflichen Stationen brachten ihn in Hotels in Brasilien, den USA, Kanada und Australien.
Die Verantwortung hat er nicht abgegeben
Auch wenn sein Job auf der Sea Cloud entspannt erscheint, trägt Helio beispielsweise die Verantwortung dafür, dass das Schiff ordnungsgemäß anlegen kann und die Passagiere von Bord gehen können. „Wir sind das Gehirn des Schiffs, die anderen der Rest,“ erklärt er seinen Job. In seiner Gewalt liegen alle Pässe und Dokumente der Gäste, er muss die Passagiere bei den Behörden anmelden und ihnen die Dokumente weiterreichen, wenn das Schiff in einem neuen Land anlegt. Ist eines dieser Dokumente fehlerhaft oder gar gefälscht, können er und der Kapitän ins Gefängnis gehen. (Der Link führt zum Interview mit Kapitän Sergej Komakin.) Er verwaltet alles Geld, das der Sea Cloud währen ihrer Kreuzfahrt zur Verfügung steht und beispielsweise für Einkäufe benötigt wird. Wenn die überwiegend deutschen und US-amerikanischen Schiffsgäste Geld in eine der lokalen Währungen der Karibik-Rundfahrt tauschen wollen, ist Helio der Ansprechpartner.
Wie lange der Brasilianer auf der Sea Cloud noch über die Weltmeere segeln wird, weiß er noch nicht. Freude hat er an dem Job, auch wenn er von Helio verlangt, fünf Monate am Stück von Freunden und Familie getrennt zu sein. Nach zwei Monaten Urlaub in Brasilien, am Strand von Rio de Janeiro und mit „comida tipica“ (typisches brasilianisches Essen) wird er auf die Sea Cloud zurückkehren. Sein Traum: Ein eigenes Hotel leiten. Ob in Brasilien oder in den USA oder Kanada: egal. Helio ist auf der ganzen Welt zuhause.
Ein typischer Seemann eben.
I.C.L., 2025
Hier geht es zum Interview mit Helios Chef, Kapitän Sergej Komakin:

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