Armut, Ungleichheit, Kriminalität, Zerstörung indigenen Lebensraums und des Regenwalds – na, sind das nicht die Themen, die uns in Europa gewöhnlich durch den Kopf schießen, wenn wir an Brasiliens Herausforderungen denken?
Einer, der dem noch etwas Wichtiges hinzuzufügen hat, ist Thiago Manzoni: „Der größte Kampf in Brasilien ist der für die Freiheit. Derzeit haben wir Tausende politische Gefangene in Brasilien“, sagte er während einer Rede zum 20. Jubiläum des Botanischen Gartens in der Hauptstadt Brasilia. Thiago spricht von „vielen Menschen, die unrechtmäßig von einem Tribunal verurteilt wurden […] ohne Prozess und die ohne anwatltliche Verteidigung durch die Hände des Staates gestorben sind.“ Manzoni ist Anwalt und Abgeordneter für die Hauptstadt Brasilia, die eine von 27 Verwaltungseinheiten landesweit ist.
Laut der Nichtregierungsorganisation Freedom House, die jedes Jahr die Freiheit und die politischen Rechte der Bürger anhand von 25 Indikatoren beurteilt, ist Brasilien ein „freier“ Staat mit einem Wert von 72 von 100 möglichen Punkten auf ihrer Skala. Zum Vergleich: Deutschland und Österreich erreichen beide einen Index von 93.
Solche wissenschaftlichen Bewertungen bieten einen Referenzpunkt, aber was bedeutet „Freiheit“ wirklich in Brasilien? Wie erleben die Menschen diesen in der Theorie klaren, aber doch astrakten Wert in ihrem alltäglichen Leben? Fernab der Definition von Freedom House haben sichtbar und spürbar auch andere Dinge Priorität.
Freiheit mit vielen Facetten: Von Entscheidungen und Unversehrheit…
Knapp sechs Prozent der Menschen leben in extremer Armut. Sie haben Schwierigkeiten, sich Alltägliches zu leisten, wohnen in selbstgebauten Behausungen, ernähren sich überwiegend vom billigen Feijao com Arroz, Reis mit Bohnen und halten sich gerade so über Wasser, auch wenn Präsident Luiz Inácio Lula da Silva das Fome Zero-Programm aufgelegt hat, das bis 2030 den Hunger und extreme Armut beseitigen soll. Sie haben keine Möglichkeit, selbst zu entscheiden wie das eigene Leben aussieht. Wer schwarz ist und aus einer Familie unterhalb der Mittelschicht ohne viele Möglichkeiten kommt, bleibt meistens auch dort. Der Zugang zur Bildung für alle bleibt schwierig.
Freiheit ist auch Bewegungsfreiheit – für alle Brasilianer und Touristen ein Luxus. Nach Einbruch der Dunkelheit ist besondere Vorsicht geboten. Bestimmte Stadtteile sind besser zu meiden, Straßen gehen oft unbemerkt in unsichere Bereiche über. Nach einiger Zeit im Land entwickelt sich ein Gefühl, wie und wo man sich bewegt. Aber uneingeschränkt ist man quasi nie. Überall und zu jeder Tageszeit kann ein Überfall passieren, dazu muss man nicht mit Goldkettchen um den Hals und iPhone in der Hand unterwegs sein. Kann ich durch dieses Viertel spazieren, sind meine Wertsachen gut genug und unauffällig in meiner Bauchtasche unter dem T-Shirt versteckt?
Ich versuche, nicht „nach Geld auszusehen“, wähle meine Kleidung mit Bedacht und bin trotzdem nie sicher, ob ich nicht doch die Blicke auf mich ziehe. Ich prüfe permanent, wer hinter mir ist, stehe an der Ampel weg von der Straße, aber nicht zu nah an der Straßenecke, weil ich nicht sehen kann, wer von dort kommt. Und für einen kurzen Blick auf die Karte bleibe ich an einer Hauswand stehen und nehme erst dort mein altes Zweithandy, das ich auch an eine Kette gelegt habe, aus der Tasche.
…hin zu Gleichheit und Barrierefreiheit
Persönliche Freiheit ist sehr ungleich verteilt. Besonders junge, schwarze Brasilianer werden überproportional oft Opfer von Polizeigewalt, manche sterben dabei auch. „Als junger schwarzer Mann gehst du hier abends nicht auf die Straße“, sagte mir mein Portugiesischlehrer, der seit 25 Jahren in Sao Paulo lebt. „Weil du riskierst, von der Polizei schikaniert oder verantwortlich gemacht zu werden für etwas, das du nicht getan hast. Sie versuchen oft, etwas zu finden. Und wer ein bisschen aufmüpfig ist oder widerspricht, für den kann das unschön enden.“
Unschön muss es auch sein, mit Kinderwagen oder im Rollstuhl in der Stadt unterwegs zu sein. Gehwege sind sehr oft unpassierbar und schon eine Herausforderung, wenn man gut zu Fuß ist. Riesige Wurzelaufwerfungen, Stufen, hohe Bordsteine und Schilderpfosten oder Bäume mitten auf dem Gehweg statt am Rand zur Straße machen den Spaziergang zum Abenteuer. Schon zu Fuß schafft man es kaum über den Zebrastreifen, weil Autos nicht herunterbremsen.


Ist Freiheit universell?
In Brasilien gelten andere Regeln und damit ist auch das Verständnis von Freiheit nicht dasselbe wie in Westeuropa. Eine Zäsur bildet sicher die Sperre von Twitter (X), das besonders in großen Städten, aber von 60 Prozent der Brasilianer genutzt wird. Der Streit zwischen X-Chef Elon Musk und der brasilianischen Regierung steht stellvertretend für den Versuch, die Balance zu finden zwischen der Einhaltung von nationalen Gesetzen und dem Schutz von Freiheitsrechten (siehe hierzu auch meinen ersten Bericht). Erst wenn X, das alle Büros geschlossen und Mitarbeiter abgezogen hat, einen legalen Repräsentanten präsentiert, ist der Zugang wieder möglich. Mit der Benennung von Rachel de Oliveira Conceicao am 20. September sollte zumindest die Sperre bald vom Tisch sein.
Diese Beispiele zeigen, dass Freiheit nichts ist, was man sich verdienen muss – egal, wo man lebt. In Brasilien erscheint sie so fragil und bekommt eine andere Bedeutung. Auch ich komme seit drei Wochen nicht in meinen X-Feed, bin den Gesetzen der Straße unterworfen, bewege mich nicht so wie zuhause und habe trotz der Herzlichkeit, Hilfbereitschaft und dieser ansteckenden Lebensfreude immer Sorge, hier nicht unbeschadet herauszukommen.
Bei all dem bleibt die (provokante) Frage: Ist das ein freies Leben?
Dies ist der zweite wöchentliche Bericht meiner Rechereche-Reise durch das größte Land Südamerikas (für KW 38).
Links:
Mehr zur Methodik der NGO Freedom House: https://freedomhouse.org/sites/default/files/FIW%20Methodology%20Fact%20Sheet.pdf
Rede des Abgeordneten Thiago Manzoni: https://youtu.be/FdoC3_PNJPE?si=n1clT07VLri9M2X-
Das Fome Zero-Programm der Regierung: https://www.gov.br/mds/pt-br/noticias-e-conteudos/desenvolvimento-social/noticias-desenvolvimento-social/a-trajetoria-do-programa-que-tirou-o-brasil-do-mapa-da-fome
Nutzung sozialer Medien in Brasilien: https://oosga.com/social-media/bra/
Protest gegen Polizeigewalt in Brasilien: https://agenciabrasil.ebc.com.br/en/direitos-humanos/noticia/2023-08/black-movement-rises-against-police-violence-throughout-brazil
I.C.L, 2024

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