Schwarz und weiß, arm und reich, lebensfroh und lebensbedrohlich – wo man hinschaut, sieht man in Brasilien Gegensätze. Während die Touristen von weißen Sandstränden, Samba-Rhythmen, der bunten Natur und herzlichen Brasilianern schwärmen, träumen viele Brasilianer von einem Leben in Europa oder den USA. Nach sechs Wochen kann ich das verstehen, denn das Land ist oft dysfunktional, teilweise gefährlich und fordert jeden Tag eine Menge Kraft und Ausdauer für den Alltag.
Im morgendlichen kilometerlangen Stau rein in die Großstädte und abends in die andere Richtung braucht es Geduld und eine schnelle Reaktionszeit, wenn sich mal wieder ein motorista mit seinem Motorrad so nah am Spiegel vorbeiquetschen will, dass er diesen fast abreißt. Oder auch, wenn sich jemand mitten auf der Kreuzun umentscheidet, den Fahrtweg zu ändern. Papierkrieg, komplizierte, überbordende Bürokratie, unmotivierte Beamte in schlecht belüfteten und alten Gebäuden mit alten Computersystemen ist eine explosive Mischung und erfordert starke Nerven. Umso überraschender ist es, wenn dann das beantragte Dokument innerhalb weniger Stunden als Email da ist. Gepanzerte verspiegelte SUVs fahren durch Straßenzüge, in denen ihnen alle paar Meter Menschen in graue Umzugsdecken gehüllt vors Auto stolpern und fast überfahren werden. Aber was gibt es zu verlieren, wenn man nichts hat?
Und so sind die Emotionen als Tourist, der eintaucht in das Land und mit einigen alltäglichen Schwierigkeiten konfrontiert ist, eine Mischung aus Faszination und Neugierde, Angst und Unwohlsein, Entspannung und Anspannung. Wer Nervenkitzel will, für den ist Brasilien der richtige Ort. Und den gibt es besonders in den Großstädten, in denen immer und überall Vorsicht angebracht ist und das eigene Empfinden für die Umgebung und die Menschenkenntnis schnell auf brutale Weise geschult werden.
Brasilien ist ein Schwellenland und das das ist überall erlebbar. Während einiges erstaunlich gut funktioniert, etwa die Gesichtserkennungen an privaten Eingangstüren oder zum Eintritt in die Receita Federal (einer nationalen Verwaltungsbehörde), kämpft das Land andernorts mit Müllbergen, unpassierbaren Gehwegen, Schnellstraßen voller Schlaglöcher und hoher Kriminalität und Drogenkonsum. Während in Europa sogar der Plastikstrohhalm verboten wurde, packt Brasilien seine Strohhalme und Servietten einzeln in Papier ein und nutzt Plastiktüten sogar, um eine Packung Toilettenpapier zu tragen. Kuchenstücke in den Bäckereien werden in quaderförmigen Plastikverpackungen verkauft und Glasflaschen existieren quasi nur für Wein und harten Alkohol.
Kartenzahlung und Papiertickets
Während fast alles mit der Karte bezahlt wird („Credito ou Debito?“), braucht man als Tourist auch in den großen Metrostationen in Sao Paulo Papiergeld, um sich ein Ticket für die U-Bahn zu kaufen. Was man erhält, sind Kassenzettel-ähnliche Tickets, die in den Papierkorb wandern, sobald man die catracas, die Drehkreuze, passiert hat. Und wem die Kartenzahlung auch von Kleinstbeträgen noch nicht genug Überwachung ist, der gibt bei jedem Einkauf seine persönliche Steueridentifikationsnummer (CPF) an, mit dem man sich zwar Vorteile sichern kann, die aber auch zeigt, wo man etwas gekauft hat. Die CPF ist auch bei der Buchung von Langstreckenbusen oder bei Online-Eintrittskarten notwendig.
Digital ist auch das Wählen in Brasilien, das verpflichtend ist. Gewählt wird per Klick in öffentlichen Gebäuden, beispielsweise Schulen. Wer am Wahltag nicht erscheint, der zahlt umgerechnet eine Strafe von circa zehn Euro und hat irgendwann kein Recht mehr, Ausweis oder Reisepass zu beantragen. An den Kommunalwahlen am 6. Oktober nahmen trotz Pflicht nur 78 Prozent aller stimmberechtigten Brasilianer teil.
Während sich Europa den Kopf darüber zerbricht, wie alle gleiche Rechte haben können und nicht benachteiligt werden, nimmt Brasilien die Unterschiede zwischen Schwarzen und Weißen an und versteckt sie nicht. Offen wird darüber geredet, dass man als Person ohne typisch europäisches Aussehen hier nicht so viele Chancen hat, von der Polizei anders behandelt wird und in vielen Fällen im Uber eher auf dem Fahrersitz als auf der Rückbank sitzt. Klingt hart, ist hier aber die Realität. Und auch mit diesen Gegensätzen muss man klarkommen.
Dies ist der fünfte wöchentliche Bericht meiner dreimonatigen Reise durch das größte Land Südamerikas (für KW 42).

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